In meiner heutigen Inspiration geht es um Äusserlichkeiten, die jedoch mit dem Innenleben zu tun haben. In einem langen Prozess habe ich mein Aussehen verändert. Als Erbe meiner lieben verstorbenen Mutter habe ich schon sehr früh, in meinen Zwanzigern, graue Haare bekommen. Zuerst wurden diese unliebsamen grauen Haare mit einer Tönung in Schach gehalten. Als dies nichts mehr nützte, wurden die Haare gefärbt. Über eine lange Zeit gefiel mir das sehr gut, vorallem auch, weil ich mit der Farbe spielen konnte. Der Ton der gefärbten Haare entsprach schon längst nicht mehr meinem Naturell, daher beauftragte ich meine Friseurin, mir einen Mahagoni-Ton zu verpassen. Schön war es. Der Preis? Nach zwei Wochen sah man den Grau-Ansatz und alle drei Wochen hatte ich meinen Gwafför-Termin – dies über viele Jahre. Der monetäre Preis in dieser Zeitspanne war auch beträchtlich, mal abgesehen von meinem Zeitaufwand.
Mit zunehmenden Alter fühlte ich mich mit langen Haaren nicht mehr so wohl und authentisch. OK, dann Haare kürzer tragen.

Das wiederum war für eine gewisse Zeit passend. Doch wieder fühlte ich, dass das nicht authentisch ist. Mit 60 Jahren fand ich, war es an der Zeit, grau zu tragen. Jawohl! In den Medien wird dieser Jugendwahn zelebriert, resp. wir Frauen sollen gefälligst bis ins hohe Alter hübsch, schlank und jugendlich aussehen. Das wird uns tagtäglich in der Werbung suggeriert. Doch wie fühlen wir Frauen uns tatsächlich? Fühlen wir uns wohl in unserem Körper mit unserem Sein? Ich entschloss mich, mit Hilfe meiner tollen Friseurin, mich an das Projekt «Grauer Panther» zu wagen.
Zuerst musste der Rotton raus, was einige Zeit beanspruchte. Als wir nach Monaten des Herantastens zu meiner natürlichen und ursprünglichen Haarfarbe fanden, benötigte ich Mut. Mut, um zu meinem neuen Äusseren zu stehen – einen Kurzhaarschnitt und langsam ganz grau werden. Am Anfang war es komisch, mich „neu“ im Spiegel zu sehen. Doch, wenn ich mir in die Augen sah, erkannte ich, dass ich immer noch die „Alte“ war. In dieser Phase wurde mir so richtig bewusst, wie wir uns mit unserem Aussehen identifizieren, doch was ist das? Unser Körper ist der Tempel, in dem wir zur Zeit wohnen, in der Zeitspanne, wo wir hier auf dieser materiellen Welt sein dürfen – mehr ist es nicht. Uns Menschen macht doch viel mehr aus als diese Hülle. Was und wer sind wir? Was strahlen wir von innen aus? Wie fühlen wir uns?
Heute bin ich froh und stolz auf diesen Schritt. Es war ein Prozess, ein Prozess auch im Aussen authentisch zu sein. Ich fühle mich wohl mit den kurzen Haaren und dem grau. Es ist natürlich und passt zu mir. Die vielen positiven und ehrlichen Reaktionen freuen mich. Die anderen dürfen ihre Meinung haben, es kommt nur auf mein Fühlen darauf an. Schliesslich ist es mein Körper, meine Zeit und mein Geld über das ich selber bestimme. Ich habe mir auch meine Würde zurück gegeben: Ich muss niemandem gefallen. Es kommt nur darauf an, wie es mir damit geht.
Heute ist mein Look ehrlicher, authentischer und frischer:

In diesem Sinne wünsche ich uns allen Mut, unsere Authentizität und Würde zu leben, uns für uns selber zu entscheiden und uns unsere Liebe zuerst selber zu geben – erst dann können wir auch im Aussen Liebe verschenken.
Von Herzen
Béatrice Noreia Ziltener