Sommer – darunter verstehen wir Sonne, Wärme, lange Tage, kurze Hosen und gekühlte Getränke. So stellte ich mir dies auch vor, als wir unsere 3-tägige Wanderung für anfangs Juli planten. Wir sind davon ausgegangen, dass schönes Wetter sein wird, herrliche Weitsicht in den Bergen und so warm, dass wir mindestens kurzärmlig wandern können. Aber! Weit gefehlt! Genau dann, als wir los wollten, gab es einen Wetterumschwung. Hm, was tun? Die beiden Nächte waren bereits gebucht, und wir hatten uns auch schon eine Regen-Variante zurechtgelegt. Diese würde uns auf einer Kiesstrasse sicher und in 1 ¾ Stunden zum Ziel bringen. So haben wir gedacht, geht das auch bei Regen.
Oft ist es so, man will Geplantes irgendwie trotzdem durchführen. Akribisch beobachteten wir die Wetterprognosen. Ja! Ab Mittag soll es aufhören zu regnen, also versuchten wir es. Mit unserem schweren Rucksack und noch bei Regen zogen wir am Dienstagmorgen los zum Bahnhof. Eine gemütliche Zugfahrt brachte uns nach Davos und dort zur Schatzalp. Oben war noch Nieselregen, aber glücklicherweise kein Nebel. Gemütlich sassen wir im schönen Hotel und tranken einen Kaffee und anschliessend verpflegten wir uns, bevor wir dann loszogen. Ausser einem anderen unerschrockenen Paar aus Bonn, war niemand unterwegs. So legten wir Meter um Meter zurück Richtung Strelapass. Der Regen hörte auf, dafür zog ein kräftiger Wind über den Berg – es war kalt. Sogar einige Schneeflocken begleiteten uns. Alles war so unwirklich, doch gut eingepackt (ausser den Handschuhen, an die haben wir tatsächlich im Sommer nicht gedacht) kamen wir dem Strelapass immer näher. Oben angekommen genossen wir eine wohltuende Zwischenverpflegung in der gemütlichen und warmen Berghütte.

Beim Abstieg begrüssten uns ganz viele und teilweise gar nicht scheue «Munggen». Sogar eine ganze Murmeltierfamilie durften wir für eine längere Zeit beobachten. Unbeschreiblich war das Erlebnis, hier vom Strelapass runter zum Heimeli keiner einzigen Menschenseele zu begegnen. Das Gefühl war wunderbar, so alleine, eins mit Natur und Tieren zu sein. Dankbar, das Wagnis eingegangen zu sein und auch bei schlechtem Wetter loszulaufen.

Im Nachhinein betrachtet: bei dieser Wanderung haben wir so Unglaubliches erlebt, was wir bei schönem Wetter nicht erlebt hätten. Alleine ohne andere Wanderer durften wir diese Tier-Beobachtungen machen. Auch dem Rauhen durch den Regen und die Kälte war Schönes abzugewinnen. Wir waren gut ausgerüstet, sodass wir, ausser an die Finger, nicht froren.

Am Ende des Tages liessen wir uns im schönen Heimeli mit einem herrlichen Zimmer und einem feinen Znacht verwöhnen. Der Betrieb im und um’s Heimeli war durch das Wetter natürlich auch sehr beschränkt. So genossen wir Ruhe pur.

Manchmal planen wir etwas und haben eine Vorstellung davon, wie es sein sollte. Wenn wir uns auf Veränderungen einlassen, offen sind für die neuen Umstände, dann kann sich Wunderbares daraus ergeben. Erlebnisse, die wir uns gar nicht vorstellen können. Mit ganz grosser Dankbarkeit schaue ich auf diese Tage zurück und die Erinnerungen an diese Wanderung bleiben tief in mir verankert. Ich bin froh, habe ich mich darauf eingelassen und bin meiner Intuition gefolgt, die mir gesagt hatte: „Ja, das kannst Du wagen“. Denn eine Option wäre immer noch gewesen, mit dem Zug nach Langwies zu fahren und dort zum Heimeli zu laufen.
Wir dürfen uns vielleicht etwas davon verabschieden, zu glauben und zu erwarten, wie etwas sein sollte. Eben auch die Vorstellung davon, wie eine Sommerwanderung sein sollte. Das Leben bietet uns immer wieder Überraschendes und Geschenke – wir dürfen sie einfach auspacken und Freude daran haben, wenn wir offen sind für Veränderungen und uns vertrauensvoll darauf einlassen.
Ich wünsche allen viele Spätsommer-Geschenke, die Ihr freudvoll entgegennehmen dürft und auspacken sollt, damit die zweite Hälfte des Sommers auch Euch Überraschungen bereithält.

Mit lieben Sommer-Grüssen
Béatrice Noreia Ziltener